Donnerstag, 21. September 2017

Frühwarnsystem

Während meiner depressiven Phasen habe ich mir oft und viel zu lange Gedanken gemacht. Die meisten Gedanken kreisen dabei um sich selbst. Aber einer hat sich dann doch als nützlich herausgestellt:

Wie wäre es, wenn ich mir ein Frühwarnsystem aufbaue, mit dem ich schon bevor ich in die Depression abrutsche, merke, dass etwas nicht in Ordnung ist? Einen Werkzeugkasten also, mit dem ich alles wieder 'reparieren' kann.

Eine schöne Idee, aber wie setzt man so etwas um? Eine Bekannte sagte mir, "ich nutze meinen Tinnitus. Wenn er besonders laut pfeift, merke ich, dass ich Stress habe und etwas nicht passt." Jemand anders riet mir, die Frage in einer Meditation zu formulieren und sehen, was der Körper antwortet. Solche Tipps habe ich viele bekommen, aber es hat alles nicht wirklich gepasst.

Also habe ich mich auf die Suche gemacht, mich beobachtet und mein Verhalten analysiert. In der Zwischenzeit ist da ein bisschen was zusammen gekommen, was ich benutzten kann:


  • Wenn ich Gewaltphantasien habe oder Suizidgedanken, dann ist Alarm angesagt. Das zeigt mir, dass mich jemand übervorteilt hat oder ich mich 'abgehängt' fühle. Es ist immer schwierig, das zu bearbeiten, aber inzwischen habe ich Übung damit.
  • Wenn ich anfange, Gummibärchen nicht mehr zu genießen, sondern Tütenweise zu essen. Das ist für mich ein Zeichen von Stress, der Kopf schreit nach Zucker!
  • Wenn ich mich auf nichts mehr konzentrieren kann. Das zeigt mir, dass ich dringend eine Pause brauche. Das ist etwas, was ich früher völlig ignoriert hatte. Pausen? Wer braucht denn sowas?
  • Wenn ich früh nicht aufstehen möchte. Ja, ich weiß, das will ja keiner wirklich. Bei mir ist das so, wenn ich nicht aus dem Bett will, dann muss ich wirklich darüber nachdenken und mir die Zeit nehmen, und nachfühlen, was lost ist. Das ist ein sehr subtiles Zeichen, aber es ist sehr zuverlässig. Damit bin ich schon einigen Problemen auf die Spur gekommen, bevor sie zu echten Kriesen wurden.
  • Prokrastination: Wenn ich merke, dass ich Dinge aufschiebe. Das mache ich an sich nur mit unangenehmen Dingen wie z.B. wenn ich mich Entschuldigen muss. Es fällt mir auch heute noch schwer, aber ich weiß, dass es nur schlimmer wird, wenn ich etwas auf die lange Bank schiebe. Und am Ende lache ich meist über mich selbst, weil es dann doch eher einfach war, das Aufgeschobene zu erledigen. Dieses Feedback an mich selbst ist dann auch wieder hilfreich, Dinge gar nicht erst aufzuschieben.
  • Wenn die Frage aufkommt 'Bin ich Gesund?' Dann ist das ein Zeichen, dass mein inneres Kind sich langweilt und sich die Zeit von früher zurück wünscht. Hier hilft eine Wanderung oder ein Spaziergang im Wald. Da gibt es so viel zu entdecken, dass mein inneres Kind wieder vor Freude hüpft. Oder auch einfach eine Plauderei mit Familie oder Freunden.

Natürlich löst das nicht alle meine Probleme, aber es hilft mir, sie zu erkennen und anzupacken. Wenn ich die Dinge nicht anpacke, kommen sie irgendwann nur noch schlimmer zurück. Das ist aber genau das, was ich vermeiden möchte.

Da hat sich doch in den Jahren ein schöner Werkzeugkasten angesammelt, der mir dabei hilft, nicht mehr in die Depression abzurutschen. Bis jetzt ist mir das auch ganz gut gelungen. Also in den letzten zwei Jahren jedenfalls. Davor war die Sammlung auch noch nicht so umfangreich und ich war nicht auf alle Fälle vorbereitet.

Auch heute wundere ich mich manchmal, wann und wie ich meine Werkzeuge anwenden muss. Manchmal sind es echt Kleinigkeiten. Lässt man die aber frei laufen, könne sie sich zu handfesten Problemen auswachsen. Das versuche ich natürlich zu vermeiden.

So, genug über mich geschrieben.

Wie sieht das denn bei euch aus? Was habt ihr denn in eurem 'Werkzeugkasten' so alles zu bieten?

Ich würde mich sehr freuen, wenn ihr mir was schreibt darüber.

Bis bald,

Euer Axel


Montag, 28. August 2017

Fragen über Fragen

Warum fühle ich mich im Moment nicht in Ordnung?Was ist grade los mit mir, in mir?

Warum sagt meine Frau, ich bin so unzufrieden, aggressiv, kurz angebunden?

Warum trinke ich so viel Bier und esse immer zu viel?

Warum brauche ich jeden Tag auf der Arbeit mindesten eine Tüte Gummibärchen?

Warum bin ich gerade in einem Krea-Tief?

Ich bin gerade schwierig, das merke ich selbst, aber warum ist das so?

Warum mache ich diese Phase durch?

Was ist anders als sonst?

Wozu ist das gut?

Zehn Fragen, die mir hier spontan eingefallen sind in nur einer(!) Minute. Das kann doch nicht normal sei, oder doch? Ok, noch eine Frage. Aber es reicht jetzt auch. Also, was mache ich jetzt damit? Jede einzelne beantworten? Nein, ich glaube es hat alles eine Ursache, aber was ist dann das Problem? (Schon wieder eine Frage!)

Also werde ich mal versuchen, mich dem Problem zu nähern. Beobachte ich mal die letzten Wochen, hat es Privat einen richtig dicken Streit mit meiner Frau gegeben. Der ist aber sicher nicht schuld, hat mir eher die Augen dafür geöffnet, dass etwas nicht stimmt. Und ich habe es wieder einmal selbst gar nicht bemerkt, dass etwas nicht in Ordnung ist.

Vor zwei Tagen hat die Nachbarin, als ich sie freundlich gegrüßt hatte, gesagt “Na, Herr Nachbar, sind wir mal wieder besser gelaunt?” Zuerst empfand ich das als ziemliche Unverschämtheit aber nachdem ich mit meiner Frau darüber geredet habe, hat sie mir das 1:1 bestätigt.

Oops, da ist etwas mit mir im Gange, das ich selbst so gar nicht wahrnehme. Aber was genau läuft da schief?

Also schwenke ich mal auf einen anderen Schauplatz, meine Arbeit. Ich hatte da ja eine Vereinbarung mit meinem Chef und mit seinem Chef. Da mein Chef gerade im Urlaub ist, werde ich direkt von meinem Abteilungsleiter gesteuert. Und der scheint sich nicht im geringsten an unsere Abmachung zu erinnern. Das macht mich ziemlich wütend und ich habe angefangen, “Dienst nach Vorschrift” zu machen. Naja, eigentlich ist es ja eher so, dass ich bewusst Arbeit liegen lasse um eine Eskalation hervorzurufen. Dann merken meine Chefs ja, das ich nicht mehr alles mache und fragen vielleicht mal nach. Aber nein, ich habe den Eindruck, das stachelt ihn erst recht dazu an, mir neue Projekte zu geben. Und wie fühle ich mich dabei?

URLAUBSREIF!

Was anders fällt mir dazu nicht ein. Ich bräuchte dringend Abstand von meiner Arbeit. Also ist es wieder die Arbeit, Die mich wütend und ‘unleidig’ werden lässt? Ja, ich befürchte es. Aber was mache ich damit jetzt?

Der erste Impuls ist, alles hinzuschmeißen. Ich bewerbe mich woanders. Sollen sie doch sehen, wie sie ihren Scheiß alleine machen. Ich wünsche mir insgeheim, meinen Chef-Chef mal richtig auf die Schnauze fallen zu sehen. Aber das kann es nicht sein, so bin ich doch nicht? Normal wünsche ich keinem Menschen etwas schlechtes, auch meinen (sehr wenigen echten) Feinden nicht!

‘So viel gelernt und doch nichts kapiert!’ schießt mir durch den Kopf. Wer spricht da? Mal sehen, da versucht jemand mir die Schuld an meiner Situation zu geben. Das kann eigentlich nur meine Depression sein. Du bist jetzt mal ganz ruhig, OK?

Was bleibt mir jetzt noch übrig?

Schreiben! Go and Create! Einfach Machen!

Egal, wie ich es nenne, aber im Moment hilft nichts, außer darüber zu reden, oder schreiben. Meine Frau möchte ich damit nicht belästigen, obwohl sie mir wahrscheinlich zuhören würde. Aber wenn ich im Moment über meine Arbeit Rede, werde ich ziemlich schnell laut und erhitzt. Dafür sollte ich ein anderes Ventil finden. Auch Alkohol und Fressen ist keine Lösung.
Deshalb schreibe ich hier wieder einmal einen Roman, auch wenn ich mir noch nicht einmal sicher bin, ob ich das jemand veröffentlichen werden. Naja, bis jetzt habe ich ja noch nicht viel ausgesagt und niemanden beleidigt. Das ist auch etwas wert.

Wenn ich mir die Situation mal genau anschaue, dann habe ich jetzt erstmal vier Tage Arbeit.  Die gehen irgendwie rum. Danach bin ich auf einem Zeichnertreffen in Eutin an der Ostsee. Dort habe ich mir vorgenommen, wenigstens mal für zwei Stunden ans Meer zu gehen. Danach habe ich wirklich richtig Se(e)hnsucht. Dann nochmal vier Tage Arbeit und dann habe ich

URLAUB!

Ja, es sind zwei Wochen. Ich helfe in der Zeit beim Umzug meiner Tochter und freue mich auf ein paar Tage mit ihr zusammen. Vielleicht fährt sie ja danach ein paar Tage mit zu uns nach Hause. Das ist noch nicht ganz klar. Aber ich komm raus, mach mal wieder was mit den Händen, kann sehen, was ich erreicht habe.

Wenn ich  aus meinem Urlaub wieder auf die Arbeit ‘darf’, hat sich meine Einstellung
vermutlich auch wieder ein wenig geändert und dann habe ich hoffentlich auch den Mut, das Thema auf der Arbeit wieder anzugehen.

Wichtig ist, dass ich mir in der Zwischenzeit bewusst mache, dass es da ein Problem gibt, dass ich angehen muss, wenn ich wieder die Kraft dazu habe. Und ich muss auf mich und meine Umwelt wieder besser Acht geben. Die wenigen Personen, die meine Freunde sind, möchte ich nicht vergraulen. Darin bin ich momentan gut, im vergraulen.

Hat sich dadurch jetzt auch nur eine der Fragen vom Anfang geklärt? Nein, ich glaube nicht, aber mir geht es trotzdem besser, weil ich mich mir selbst wieder einmal ein Stück geöffnet und mich  meinen Problemen genähert habe. Das ist auch einer der Gründe, warum ich glaube, dass meine Depression keine Chance mehr hat.

Während ich diesen Text schreibe, habe ich die Stöpsel im Ohr und höre ‘The Therory of Everything’ von Ayreon. Ich finde das Album so toll, weil die einzelnen Stücke eine Geschichte erzählen. Auch musikalisch ist das Album toll gemacht.



Bis bald,

Euer Axel


Donnerstag, 17. August 2017

Fantasiereise

Die Farben meiner Fantasie
Heute habe ich einen Spaziergang in den Wald unternommen. Nun, das ist erst einmal nichts ungewöhnliches. Ich bin gerne im Wald und genieße die Geräusche und Gerüche dort. Heute konnte ich Vögel hören, die schimpften, als ich näher kam, Grillen,  die ganz entfernt gezirpt haben und auch die Autobahn konnte ich hören, die direkt durch den Wald verläuft. Die Gerüche im Wald sind mir fast noch wichtiger. Wenn es feucht ist, kann man das modrige und die Pilze im Wald besonders gut riechen. Das war heute nicht der Fall. Heute hat es eher nach Blüten gerochen, aber nur ein ganz kleines bisschen.
Die Achtsamkeit auf den Wald im Hier und Jetzt richten. Das ist das, was ich dort suche. Im Alltag fällt mir das schwer, aber im Wald gibt es viel zu entdecken, deshalb tue ich mir mit der Achtsamkeit dort viel leichter. Das soll aber nicht heißen, dass ich das wirklich gut kann. Natürlich bin ich ständig abgelenkt.
Ein mächtiger Gegenspieler der Achtsamkeit ist meine Kreativität. Sie verbindet das gehörte, gesehene und auch das gebrochene zu immer neuen Ideen und schwups, ist die Achtsamkeit wieder vorbei. Aber das ist nicht schlimm, den ich habe inzwischen gelernt, dass das auch gut so ist. Ohne meine Kreativität könnte ich mich nicht künstlerisch betätigen. Und da würde mir wirklich etwas fehlen!
Kurz bevor ich den Wald wieder verlassen wollte, habe ich einen Baumstamm am Wegrand gesehen. Es war der Stamm einer wirklich alten Eiche. Ich habe mir überlegt, dort ein wenig sitzen zu bleiben und einfach mal 5 Minuten nichts zu tun.

Es fühle sich innerhalb kürzester Zeit sehr vertraut an, dort zu sitzen, auf dieser Eiche. Ich stellte mir vor, wie meine Hände und Füße plötzlich anfingen, sich im Waldboden und in der Eiche zu verwurzeln. Ich versuchte mir vorzustellen, was ein Baum fühlt? Friere ich im Winter oder spüre ich nur den Frost, damit ich meine Blätter abwerfen kann. Wie fühlt es sich im Sommer an, wenn die Energie der Sonne von mir aufgenommen wird und durch meinen Stamm und die Äste fließt.
Es fühlte sich alles so stimmig an. Und plötzlich schließt sich der Kreis.
Ich habe schon lange den Wunsch, in einem Friedwald beerdigt zu werden. Mein Körper würde von dem Baum aufgenommen und in ihm wieder zum Leben erweckt werden. Ja, das ist wirklich Wiedergeburt.  Nicht das, was uns die Bibel erzählt. Das ist ja bestimmt auch nur ein Gleichnis,  das wir aus unserer Sicht heute ganz anders verstehen können. Aber mein Ausflug in das Reich der Fantasie erklärt mir, warum ich in den Friedwald will, warum ich mich im Wald so wohl fühle. Vielleicht war ein Teil von mir früher schon einmal ein Baum und sehnt sich daher nach der Nähe der anderen Bäume?
Ich werde es wohl nie erfahren, aber die Vorstellung gefällt mir sehr.
Als Zeichner und Maler habe ich natürlich auch Bilder von meinen Fantasien im Kopf und werde diese sicherlich irgendwann einmal zu Papier bringen. Aber jetzt schreibe ich erst einmal meine Fantasiereise auf und freue  ich daran, ein Stück von mir besser kennen gelernt zu haben.

Ihr glaubt, ich bin verrückt? Das mag sein, aber das sind eben die Dinge, die in meinem Kopf passieren. Ich kann damit inzwischen sehr gut leben.

Bis bald,
Euer Axel

Dienstag, 8. August 2017

Bin ich gesund?

Seit ein paar Wochen treibt mich eine einzige Frage um: "Bin ich gesund oder bin ich immer noch depressiv?"
Wenn ich meinen Therapeuten dazu frage, bekomme ich als Antwort, dass er kein depressives Verhalten mehr bei mir erkennen kann. Also muss ich ja wohl gesund sein, oder nicht?
Es fühlt sich aber immer noch so anders an, als vor der ersten Depression. Und genau an dem Punkt habe ich für mich den Schlüssel gefunden.

Will ich WIRKLICH, das sich alles so anfühlt wie VOR der ersten Depression? 

Wie hat sich das eigentlich genau angefühlt? 

Zum Glück erinnere ich mich noch daran!

Es hat sich GAR NICHT angefühlt! 

Ich hatte meine Gefühle bis zu diesem Zeitpunkt im Jahr 2010 fast komplett unterdrückt! Ich habe hart gearbeitet für meine Karriere, für meine Familie, aber nicht wirklich für mich selbst. Heute ist das anders, und es fühlt sich auch ganz anders an, weil ich nämlich wieder Kontakt zu meinen Gefühlen habe. Ich fühle Angst, Schmerz, Wut, Trauer, aber auch Freude, Glück, Liebe und Vertrauen. 

Nein, ich möchte nicht, das alles so ist wie vor 2010. Es war damals nur auf den ersten Blick alles leichter als heute. Ja, ich muss mich mit meinen Gefühlen und dadurch auch mit mir selbst auseinandersetzen. Aber ich fühle, was in mir vorgeht und dadurch kann
ich mich mit mir selbst auseinandersetzen. Ich habe mich einfach weiter entwickelt und bin mir nun eines Teils meiner Persönlichkeit bewusst, die mich ja erst zu einem Menschen macht. Ohne meine Gefühle wäre ich viel ärmer, als ich es heute bin. Darauf möchte ich unter keinen Umständen verzichten.

Bin ich nun gesund oder nicht?

Baumwipfelpfad


Für mich stellt sich die Frage so inzwischen gar nicht mehr. Ich glaube vielmehr, dass ich damals, vor der ersten Depression, ziemlich krank war, so ganz ohne Kontakt zur eigenen Gefühlswelt. Das kann nicht gesund sein. Letztendlich habe ich mich selbst mit meiner Art zu leben krank gemacht und die Depression hat mir gezeigt, dass ich auf dem falschen Weg war.

Natürlich gibt es Situationen, in denen würde ich mich freuen, wenn ich nicht so sensibel wäre. Ich war mit meiner Familie vor einiger Zeit auf einem Baumwipfelpfad. Da gibt es eine Möglichkeit auf einem recht breiten Weg bis auf 42 Meter hoch zu spazieren. Nach weniger als der Hälfte habe ich bemerkt, wie meine Hände feucht werden, die Waden kribbeln und mir ein wenig schwindelig wird. ANGST! Was soll denn das? Ich hatte früher nie Höhenangst! Oder habe ich die Angst nur ignoriert? Ich habe meine Familie erstmal voraus geschickt und wollte das mit mir selbst ausmachen. Nach einer Weile zögern habe ich meinen Mut zusammen genommen und bin doch weiter hoch gestiegen. Ich bin zwar nicht bis nach ganz oben gekommen, habe aber immerhin ca 75% geschafft. Und darüber habe ich mich viel mehr gefreut, als wenn ich einfach hätte nach oben marschieren können.

Irgendwann werde ich wieder einmal dort sein und dann reicht der Mut auch, um nach ganz oben zu kommen. Und dann werde ich das auch bewusst auskosten. Einfach ist das nicht und anfangs habe ich mich für diese Angst geschämt. Ganz kurz hatte ich das Gefühl, als würde meine Depression auch anfangen, mir wieder dumme Sprüche einzuflüstern, was ich doch für ein Looser sei. Aber das könnte ich ganz schnell abstellen. Ich habe mich meiner Angst gestellt und habe sie ein Stück weit besiegt.

Diese Erfahrung hätte ich ohne Depression nie gemacht.

Bis bald,
euer Axel

Freitag, 7. Juli 2017

Die Zukunft fest im Blick

Hallo,

am 27.Juni 2017 habe ich ja einen Brief an meinen Chef-Chef geschrieben. Darüber hatte ich hier schon
erzählt. Und seitdem warte ich nun auf seine Reaktion. Das war irgendwie gar nicht so leicht auszuhalten, eine Zeit voller Unsicherheit und Angst.
Aber das Warten hat ein Ende, denn er hat mich am vergangenen Donnerstag angerufen und das Gespräch war richtig gut.

Zuerst war er noch etwas verwundert über den einen oder anderen Punkt, den ich geschrieben hatte, aber ich konnte ihm die Dinge aus meiner Sicht erklären und er hat mir dabei auch zugehört. Das war in der Vergangenheit mein größtes Problem.

Danach hat er versucht, mir einige Dinge aus seiner Sicht zu erklären und ich war auch etwas irritiert über das was er mir erzählt hat.

Er wollte mich mit den Aufgaben, die er mir gegeben hat, immer fördern und ich sei einer seiner wichtigsten Mitarbeiter. Den zweitern Punkt mit dem wichtigsten Mitarbeiter hat er gleich mehrfach erwähnt. Bisher hat an dieser Stelle immer mein 'DU BIST NICHT GUT GENUG' Filter zugeschlagen, aber diesmal ist es dann doch irgendwie in meinem Kopf angekommen. Ich glaube, er meint das wirklich ernst.

Sonst hatte ich mir immer so gedacht, er sieht das aus einer falschen Perspektive, nimmt meine Kollegen, die die ganze Arbeit machen gar nicht wahr und schreibt das mir zu. Das ist ja alles gar nicht mein Verdienst. Dafür müsste er doch die anderen loben, ...

STOP!!!!

Mein lieber Kopf! Gehts noch? Schiebe ich gerade mir die Schuld zu, was da in den letzten 7 Jahren passiert ist? Ja, irgendwie schon. Das hört jetzt auf!

Da er das mit dem Lob immer wieder sagt, und mein Chef auch, kann ich mal davon ausgehen, dass beide es ernst meinen. Und darauf will ich jetzt auch mal stolz sein. Andererseits hat er mir zu verstehen gegeben, dass ihm schon aufgefallen ist, dass ich mit den Aufgaben in der letzten Zeit nicht so glücklich war. Als ich ihm erklärte, dass ich perfektionistisch veranlagt bin, meinte er nur: 'Klar, wenn ich von dir eine 80%-Lösung brauche, bist du damit natürlich Unzufrieden. Das kann ich nachvollziehen.' Wie hat er das ausgedrückt? 'Klatsch mal eben eine Lösung an die Wand und wir sehen mal, was davon hängen bleibt.' Das kann ich gar nicht und er hat das jetzt auch verstanden.

Damit ist die Basis für eine gemeinsame Betrachtungsweise der Dinge auch gelegt.

Für nächste Woche habe ich dann einen Termin mit meinen Chefs in einer ganz entspannten Atmosphäre beim Italiener um die Ecke. Da werden wir besprechen, wie es mit mir weiter gehen kann und wie die Erwartungen von mir und von meinen Chefs sind. Ich bin mir sicher, wir werden eine Lösung finden. Jedenfalls bin ich jetzt total erleichtert und sehe wieder recht zuversichtlich in die Zukunft. Ich weiß aber auch, das mein Chef-Chef und ich eine andere Sprache sprechen und wir aufpassen müssen, dass wir nicht aneinander vorbei reden. Das ist in der Vergangenheit schon viel zu oft passiert.

Bis bald,

Euer Axel

Dienstag, 4. Juli 2017

Depresson und Offenheit

Das sind ja zwei Themen, die in unserer Gesellschaft nicht so richtig zusammenpassen. Zumindest war das mal so. Mein Eindruck ist, dass sich in dem Bereich inzwischen doch sehr viel verändert hat.

Als ich das erste mal mit meiner Depression zu tun hatte, habe ich mir immer gesagt, du hast doch gar keine Depression. Es ist doch eher ein Burnout. Heute ist mir klar, dass es im Endeffekt das gleiche ist. Aber damals wollte ich mir selbst nicht eingestehen, dass ich von einer Krankheit betroffen bin, die sehr stark stigmatisiert ist. Schon durch diese Einstellung ist es mir nicht gelungen, über meine Krankheit zu reden. Weder mit meiner Familie, noch mit Kollegen oder mit Freunden. Man ist alleine mit seiner Krankheit. Und das passt ja auch gut in das Bild einer Depression. Man zieht sich zurück, bricht soziale Kontakte ab, redet mit niemandem darüber.

Als ich nach der ersten depressiven Phase wieder einigermaßen 'gesund' war, habe ich eines bemerkt: Wenn ich die Medikamente absetze, prasselt die Realität wieder ungefiltert auf mich ein. Das war das schwierigste, damit zurecht zu kommen und nicht gleich wieder in mein Schneckenhaus zu kriechen. Das ich das geschafft habe, verdanke ich auch meiner Familie. Sie hat mir geholfen, obwohl sie gar nicht so richtig wussten, was mit mir eigentlich los ist. Das Thema hatte ich totgeschwiegen.

Als die zweite depressive Phase kam, habe ich verstanden, das mich diese Krankheit wohl doch länger begleiten wird. Und ich habe verstanden, dass ich darüber reden muss. Heute mache ich auch keinen Unterschied, mit wem ich darüber rede. Es dürfen alle wissen, auch mein Arbeitgeber. Ja, ich bin in der glücklichen Situation, einen Job zu haben, der praktisch 100% sicher ist. Daher gehe ich mit meinem Arbeitgeber da kein Risiko ein, wenn ich darüber rede. Ich weiß auch, das viele andere diesen Komfort nicht haben.

Auf der anderen Seite sehe ich das aber auch als Verpflichtung an. Da ich es mir leisten kann, MUSS ich darüber sprechen. Auch für die, die es sich nicht leisten können. Sollte ich vielleicht sogar ein Buch darüber schreiben? Vielleicht, aber nicht heute. Aber reden möchte ich darüber. Deshalb auch hier die Bitte: Redet mit mir darüber, vor Allem die, die keine Depression haben. Ich erzähle auch gerne, wie sich das anfühlt, wie man die Welt sieht und noch viel mehr. Fragt mich!

Der offene Umgang hat auch mir vieles leichter gemacht. Ich muss mich nicht mehr verstecken und ich erkenne jetzt leichter, mit wem ich darüber sprechen kann und mit wem nicht. Und wenn ich darüber spreche, dann wollen mir die Leute auch helfen. Jetzt habe ich aber das nächste Problem. Wenn mich einer fragt, wie kann ich dir denn helfen, was sag ich ihm denn dann? Wie kann mir jemand helfen?

Das hat ein wenig Zeit gebraucht, bis ich mir darüber im klaren war, aber heute weiß ich die Antwort:

"Bitte rede mit mir!"
 Ja, die Leute sind überrascht oder verwundert, wenn ich diese Antwort gebe. Aber es ist genau das, was mir fehlt, wenn es mir schlecht geht. Ich brauche jemandem, dem ich alles erzählen kann, der zuhört. Und da ist auch die Familie nicht immer die erste Anlaufstelle, je nach Thema. Man wünscht sich ja auch irgendwie, das jemand erkennt, dass es einem schlecht geht. Und dann kann man reden. Leider gibt es diese Leute viel zu selten. Aber man trifft sie an Orten, wo man es nicht vermutet. Beispielsweise auf Twitter!

Auf Twitter? Ja, genau dort. Es gibt dort viele Menschen mit ähnlichen Problemen. Und die haben Antennen dafür, ob es dir gut oder schlecht geht. Im 'echten' Leben würden sie dich niemals ansprechen. Auf Twitter aber schon. Und dafür bin ich auch sehr dankbar. Andererseits geht es mir ganz ähnlich. Wenn ich glaube, jemandem geht es schlecht, schreibe ich ihn an. Manchmal auch per DM (Direct Message) damit die anderen davon nichts mitbekommen.

Aber auch im richtigen Leben habe ich meine Leute, die ich ansprechen kann oder auch welche, die mich ansprechen, wenn es mir schlecht geht.

Würde ich nicht offen mit meiner Krankheit umgehen, müsste ich immer noch alleine damit zurecht kommen. Ob ich das schaffen würde ist ziemlich fraglich. Gerade dann, wenn man mit der Depression kämpft, ist die Sichtweise doch sehr eingeschränkt und man will bestimmte Dinge nicht sehen und nicht wahrhaben. Da können einem andere Menschen schon sehr helfen. Aber auch nur, wenn man sich öffnet und auch mal eine andere Meinung zulässt.

Bis bald,
euer Axel




Dienstag, 27. Juni 2017

Da passiert gerade was ...

Seit ein paar Wochen spüre ich eine ziemlich starke Unzufriedenheit in mir. Und wenn ich der Unzufriedenheit auf den Grund gehen will, schlägt meine Stimmung in Wut um. Früher habe ich sowes einfach beiseite geschoben, aber das mache ich jetzt nicht mehr.

Wo kommt diese Unzufriedenheit und diese Wut her?

Es hat eine Weile gedauert, bis ich dahinter gekommen bin, aber jetzt weiß ich es: Es kommt von meiner Arbeit. In den letzten sieben Jahren haben einige Veränderungen stattgefunden und ich mache fast nur noch organisatorisches anstatt, wie früher, Technik.

Ich habe endlich verstanden, was ich tun muss und werde meine Wut dazu nutzen, es auch umzusetzen. Das wird sicher nicht einfach, denn ich muss fast 7 Jahre Technik im meinem Bereich 'aufholen'. Das braucht Zeit, Nerven, Durchhaltevermögen und den Willen, diese Veränderungen auch durchzuziehen.

Genau an diesem Punkt scheitern ja viele, an dem Willen, Veränderungen anzugehen und diese auch durchzuhalten.

Eigenartig, aber damit hatte ich bisher eher selten Schwierigkeiten. Ich möchte nicht, dass alles so bleibt, wie es ist. Ich möchte mein Leben lang lernen. Ich möchte Veränderung! Wenn Alles immer so ist, wie es ist, was habe ich dann? Ein langweiliges Leben? Das will ich sicher nicht!

Heute habe ich einen großen und wichtigen Schritt gemacht, um mich zu verändern. Ich habe meinem Chef-Chef einen Brief geschrieben, dass ich das, was ich heute mache, nicht mehr machen will, weil es mich krank macht. Ja, auch das habe ich verstanden. Meine Arbeit ist mit verantwortlich für meine Depression, meinen Burnout, und sogar mehrfach. Es war gar nicht so einfach, diesen Brief zu schreiben. Er sollte ja nicht vorwurfsvoll sein. Es sollte klar drinnen stehen, dass ich diese Arbeit nicht mehr machen will, was ich stattdessen machen will und warum. Ich habe, so denke ich, eine Lösung gefunden.

Heute ging der Brief in die Post und ich bin total nervös und ängstlich. Was, wenn der Empfänger das ganz anders versteht, als ich es gemeint habe? Was, wenn er nicht mitgeht, was ich möchte?

Ja, dann ist es eben so! Verrückt machen hilft mir ja gerade auch nicht. Und wenn es dann soweit ist, dass ich Gegenwind bekomme, dann muss ich meine Unzufriedenheit und Wut eben gezielt einsetzen und mir einen anderen Weg ausdenken. So kann es jedenfalls nicht weiter gehen. Ich weiß das jetzt. Mein Chef weiß es auch schon, und steht auch hinter mir. Und mein Chef-Chef weiß es auch bald.

Und dann werde ich sehen. Meistens kommt es ja ganz anders, als man sich das im Kopf ausmalt.

In diesem Sinne: Hört nicht so sehr auf euer Kopfkino, sonder öfter mal auf eure Gefühle!

LG,
Euer Axel